Heimatfreund: „Neu-Jerusalem“ in Teutschenthal sorgt deutschlandweit für Aufsehen!

Im Saalekreis gibt es viel zu entdecken. Zusammen mit Heimatforscher Mike Leske erkunden wir heute nicht das echte Jerusalem in Israel, sondern das in Teutschenthal, einer Gemeinde nur wenige Kilometer westlich von Halle (Saale):

Liebe Heimatfreunde,

die Gemeinde Teutschenthal kann nicht nur durch Motocross oder Gebirgsschläge die überregionale Aufmerksamkeit auf sich lenken!
Bereits im Jahr 1929 sorgte der Ort weit über seine Grenzen hinaus für Furore. Nicht nur das man in diesem Jahr das 1000-jährige Jubiläum der Gemeinde feierte, nein man weihte auch den bis dahin europaweit modernsten Wohn- und Lernkomplex innerhalb einer Landgemeinde ein.
Eine so fortschrittliche Anlage war für damalige Zeit eine absolute Neuheit und Sensation zugleich. In Zeitschriften wie der Deutschen Bauzeitung oder der Berliner Illustrierten wurde die neue Bauhaussiedlung als Vorbild und aufsehenerregende Besonderheit in ganz Deutschland gefeiert.

Mit viel Liebe zum Detail haben hier Frau Margarete Gerlach und Herr Reinhardt Matthei eine Präsentation zusammengetragen, die dem Besucher mit zahlreichen Fotos, Dokumenten und Bauplänen die enorme Bedeutung der Teutschenthaler Bauhaussiedlung vor Augen führt.

Um nun auch ihre Neugier für „Neu-Jerusalem“ – wie die Teutschenthaler diese Wohnanlage auf Grund ihrer bis dahin ungewöhnlichen Bauweise scherzhaft nannten – zu erwecken, soll deren Geschichte in den folgenden Zeilen noch einmal kurz zusammengefasst werden:

Als Anfang des 20. Jahrhunderts auch das II. Schulgebäude an der „Kabel“ (heute Platz der Einheitsgemeinde) den ständig steigenden Schülerzahlen in Unterteutschenthal nicht mehr gewachsen war, entschied man sich zu einem kompletten Neubau einer modernen Bildungseinrichtung.

pestalozzi schule teutschenthal
Die Pestalozzi Schule Teutschenthal auf einer Ansichtskarte von 1934. Abbildung: Leske 2016, S. 95

Am Wiesenweg (heute Maerkerstraße), auf einem vom alten Ortsbild losgelösten Gelände, schuf der Geraer Architekt Ernst Trommler einen für die Zeit hochmodernen Wohn- und Lehrkomplex im Bauhausstil.
Natürlich war der moderne Schulneubau in einer Dorfgemeinde nicht ganz unproblematisch. Nur dank der Befürwortung des preußischen Kultusministeriums konnte die neue Pestalozzi-Schule 1929, nach zweijähriger Bauzeit, eingeweiht werden.
Der Schulneubau sollte mit den Vorurteilen aufräumen, dass eine Dorfschule primitiv sei und auf dem Lande die Schweineställe besser gebaut wären als das Schulhaus.

Für 265.000 Reichsmark war eine achtklassige Lehranstalt mit Turnhalle, zwei Schulhöfen, sowie einer Berufs- und Hauswirtschaftsschule im Kellergeschoss, entstanden. Daneben war im Keller auch eine Duschanlage mit Bassin eingerichtet worden.
Auch die Ausstattung der Klassenräume wurde nach dem Konzept des Bauhausstiles gestaltet. Um den Unterricht im Sinne des damit verbundenen Reformgedankens aufzulockern, saßen die Schüler ursprünglich zu dritt an Rundtischen. Da die Aufmerksamkeit der Schüler allerdings unter dieser Sitzordnung zu leiden hatte, wurde diese Unterrichtsmethode recht bald wieder verworfen. Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung der Schule kehrte man zur konventionellen Ordnung mit Klassenbänken und Blickrichtung auf den Lehrer und zur Tafel zurück.
Um Platz für weitere Lehrerwohnungen zu schaffen, erhielt das bis dahin flachgedeckte Schulgebäude 1939 ein Satteldach mit durchgehender Gaubenreihe.
Zwischen 1959 und 1986 wurde das Bauhausgebäude als „Polytechnische Oberschule“, kurz POS Teutschenthal, weitergenutzt. Danach zogen die Teutschenthaler Schüler in den neuen Schulkomplex „Am Stadion“, die heutige „Würdetalschule“, um. Seither hat der Kindergarten „Buration“ sein Domizil in der ehemaligen Lehranstalt.

Die Turnhalle der Bildungeinrichtung diente den Schülern nicht allein für den Sportunterricht. Dank einer hervorragenden Akustik war der Raum auch für den Gesang- und Musikunterricht geeignet. Ferner wurde dieser auch als Aula, Zeichensaal und für Lichtbildvorträge genutzt. Da dieser Mehrzweckraum mit einer Bühne und Empore ausgestattet war, wurden hier auch Theaterveranstaltungen aufgeführt. Der Festraum war nicht allein den Schülern der Pestalozzi-Schule vorbehalten. Auch den Turnvereinen und der Theatergemeinde der Umgebung stand diese Räumlichkeit zur Verfügung.
Nach der Wende hatte sich hier vorübergehend ein Supermarkt eingemietet. Seit 1995 wird der Saal wieder als Theater vom „Teutschen Theaterverein Teutschenthal“ genutzt. Die ganzjährigen Veranstaltungen erfreuen sich seither auch überregionaler Beliebtheit.

Das neue Schulgebäude sollte den Kern der bereits 1928 begonnen Bauhaussiedlung mit ihren insgesamt 44 modernen Wohnungen bilden. Ursprünglich sollte die Schule symmetrisch rechts und links von Wohnblöcken flankiert werden. Allerdings scheiterte dieses Vorhaben an den dafür notwendigen finanziellen Mitteln. Als Ersatzbau entstand auf dem östlich angrenzenden Gelände einige Jahre später das so genannte „lange Handtuch“. Dieses Mehrfamilienhaus wurde allerdings bereits vor einigen Jahren nach jahrelangem Leerstand und wegen Baufälligkeit wieder abgerissen.

Zur gemeinsamen Nutzung verfügte der Wohnkomplex über Waschräume, Wannenbäder und Trockenböden.
In den 1950er Jahren drang zunehmend Regenwasser in die flachgedeckten Dächer der Wohnblöcke ein. Aus Kostengründen entschied man sich, ähnlich wie Jahre zuvor bereits an der Pestalozzischule, die Gebäude mit Satteldächern zu versehen. Auch wenn somit zum Vorteil der Bewohner neuer Wohn- und Abstellraum entstanden war, büßte die Bauhaussiedlung aber damit auch einen großen Teil ihres markanten Erscheinungsbildes ein. Dennoch blieb die Anlage ein Musterbespiel für den frühen sozialen Wohnungsbau in Deutschland und wurde bereits in den 1980er Jahren vom Landesamt für Denkmalpflege unter Denkmalschutz gestellt.

Literatur:

  • Margarete Gerlach: Teutschenthal in alten Ansichten, Zaltbommel 1997.
  • Margarete Gerlach, Helmuth Gerlach: Teutschenthal in alten Ansichten, Band 3, Zaltbommel 2003.
  • Mike Leske: Schöne Grüße – Ansichtskarten und Lithografien aus Eisdorf, Teutschenthal & Teutschenthal-Bahnhof, Halle 2016.

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