Heimatfreund: Was alte Scherben über die Heimatgeschichte verraten – am Beispiel des Eisdorfer Pfarrhauses

Anm.: Der Beitrag erschien original am 25. September 2015 beim Halle-Saalekreis-Netzwerk.

„Scherben bringen Glück!“ Handelt es sich dabei gar um Scherben aus längst vergangenen Zeiten, geraten ganz besonders die Archäologen in Verzückung. Was für den Laien meist wertlos und unbedeutend erscheint, ist für diese Berufsgruppe oft die einzige Quelle zur Erschließung geschichtlicher Zusammenhänge.
Als mir im Sommer 2013 eine kleine Schachtel voller alter Keramikscherben überreicht wurde, geriet daher auch meine Wenigkeit ins Schwärmen. Das Konvolut enthielt zahlreiche Fragmente unterschiedlichster Beschaffenheit und Zeitstellung.

Scherben machen zumindest Archäologen glücklich!
Scherben machen zumindest Archäologen glücklich!

Neben Gebrauchskeramik des 18. bis 20. Jahrhunderts aus Irdenware und Steinzeug, erregten besonders die bleiglasierten und bemalten Scherben des späten 16. und 17. Jahrhunderts mein Interesse.
Die keramischen Fragmente hatte Herr Marco Weber bei Erdarbeiten an seinem Haus – der alten Pastorei in Eisdorf – gefunden. Das im Jahr 1699 errichtete Pfarrhaus zählt zu den ältesten noch vollständig erhaltenen Profanbauten innerhalb der Einheitsgemeinde Teutschenthal!

Das alte "neue Pfarrhaus" im heutigen Teutschenthaler Ortsteil Eisdorf.
Das alte „neue Pfarrhaus“ im heutigen Teutschenthaler Ortsteil Eisdorf.

So wie das Pfarrhaus einst Spiegelbild der Gemeinde war, so spiegeln die Keramikfunde heute den Lebensstandard seiner einstigen Bewohner wider. Der evangelische Pfarrhof folgte dem Vorbild Luthers und war neben dem Wohnraum der Pfarrfamilie auch ein Zentrum für das Gemeindeleben, Veranstaltungsraum und Bildungsstätte in einem.
Wie uns alte Aufzeichnungen berichten, war das „alte Eisdorfer Pfarrhaus“ zum Ende des 17. Jahrhunderts bei einer Überschwemmung des Würdebaches mit weiteren Häusern des Dorfes weggerissen worden. Die gefundenen alten Scherben geben uns nun einen kleinen Eindruck von diesem Vorgängerbau. Besonders aussagekräftig war dabei das Bruchstück einer Ofenkachel, welche ein Bild von der einstigen Inneneinrichtung des Gebäudes vermittelt.

Kachelfragment aus dem Pfarrhaus.
Kachelfragment aus dem Pfarrhaus.

Dieses Kachelfragment, aus grünglasierter Irdenware, ist typisch für das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts. Das Stück ist von außerordentlich hoher Qualität und zeigt die Darstellung einer Adelsperson mit zeitgemäß typischen Mühlsteinkragen. Als Teil eines prächtigen Renaissanceofens – der seiner Zeit vor allem im ländlichen Bereich nur in wenigen Gebäuden anzutreffen war – passt dieser Fund gut in das Interieur eines Pfarramtes der frühen Neuzeit.
Wie uns das Bruchstück einer weiteren Ofenkachel verrät, war offensichtlich auch der Neubau von 1699 mit einem standesgemäßen Kachelofen ausgestattet. Allerdings erreichte dieser nicht mehr die Qualität seines Vorgängers. Die barocke Ofenkachel, aus dem frühen 18. Jahrhundert, in einer typisch grünen Glasierung auf weißen Grund, gehörte mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem ausladenden Früchteornament. Ob dieser Barockofen im Zuge späterer Umbaumaßnahmen abgebrochen wurde oder er den Bewohnern nicht mehr zeitgemäß erschien, ist heute nicht mehr zu klären.
Im Laufe seiner über 300-jährigen Geschichte hatte auch das „neue Pfarrhaus“ zahlreiche Katastrophen zu erleiden. Neben weiteren Würde-Hochwassern gab es auch mindestens zwei Brände im Gebäude, die sich heute noch anhand von Spuren am Gebälk offenbaren.
Nach dem Auszug der letzten Pfarrersfamilie in den 1960er Jahren war der Barockbau auch weiterhin durchweg an verschiedene Parteien vermietet. Ein Teil der Räumlichkeiten diente daneben den Mitgliedern der Eisdorfer Kirchengemeinde für Veranstaltungen verschiedenster Art. Besonders im Winter wurde der Gottesdienst hierher verlegt, wenn es in der gegenüberliegenden St. Johanniskirche zu kalt war.
Trotz der unentwegten Nutzung des Gebäudes nagte der Zahn der Zeit bereits bedenklich an ihm. Ein erhaltenswerter altertümlicher Taubenturm im Garten des Hauses war bereits in den 1960er Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Dagegen ist die historisch wertvolle und aus der Erbauungszeit stammende Bauinschrift am Dachgesims über dem Haupteingang glücklicherweise erhalten geblieben und verkündet uns bis heute, dass dieses Pfarrhaus einst unter Pfarrer Martin Braun gebaut worden ist.

Da Erhaltung und Unterhalt des denkmalgeschützten Fachwerkbaus nicht mehr vom Eisdorfer Kirchengemeinderat zu tragen waren, verkaufte man das Gebäude 2011 an Herrn Weber und dessen Lebensgefährtin Frau Vicky Danders. Trotz aller Widrigkeiten, die solch ein altehrwürdiger Bau mit sich bringt, war mit den neuen Besitzern erfreulicherweise ein Pärchen gefunden worden, dass den Wert und die Bedeutung dieses Denkmals zu schätzen weiß und es liebevoll zu erhalten versucht.

Soweit zur Geschichte des Eisdorfer Pfarrhauses und zurück zu den gefunden Scherben:

Ein Pfarrer war mit seiner Familie von den Abgaben seines zugehörigen Pfarrsprengels abhängig. Besonders aber in Krisenzeiten musste der Lebensunterhalt zusätzlich durch Selbstversorgung wie Ackerbau und Viehhaltung gesichert werden. Erst ab dem 19. Jahrhundert erhielten Pfarrer ein geregeltes Einkommen. Auch solche sozialen Schwankungen lassen sich anhand der gefundenen Alltagskeramik interpretieren. Während die bleiglasierten Fragmente des 16. und frühen 17. Jahrhunderts relativ reich bemalt sind, wirken die Scherben des 18. Jahrhunderts durch ihre nüchterne Zweckmäßigkeit sehr schlicht und einfach. Eventuell stehen diese Beobachtungen mit dem Dreißigjährigen Krieg und dessen Folgen in engen Zusammenhang.

Liebe Heimatfreunde, anhand dieses kleinen Beispiels sehen Sie, wie selbst unscheinbarste Funde einen tiefen Einblick in unsere Geschichte gewähren können. Sollten Sie also selber einmal derartige Entdeckungen machen oder bereits gemacht haben, zögern Sie nicht und sprechen Sie mich jederzeit an. Als designierter ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger für den Bereich der Einheitsgemeinde Teutschenthal sind solche Fundsachen von großem Interesse für mich. Helfen Sie mit etwas Licht ins Dunkel unserer Heimathistorie zu werfen!

Kontakt:

Mike Leske
An der Würde 4, 06179 Teutschenthal OT Eisdorf
Tel: 034601/397739
Email: Mike-Leske@web.de

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