Ein typischer Kundenwunsch beim übersetzen

uebersetzen

Da kommt vom Kunden eine eMail mit den Worten: „Ich habe hier ein paar Wörter zum Übersetzen, ich ordne mir die dann selbst in meine Texte ein.“

Genau das sind die Aufträge, die dem Übersetzer die Haare zu Berge stehen lassen und ihn oft vor schier unlösbare Probleme stellen, und bei denen der Kunde seine vermeintliche Ersparnis meist teuer erkauft.

Einzelne Wörter haben in der Regel mehrere, sehr unterschiedliche Bedeutungen. Denken wir nur an „Lager“ als Warenlager, als Zeltlager, im technischen Bereich als Gleitlager usw. – die Crux ist, dass in der Fremdsprache (z.B. im Englischen) Wörter ebenfalls mehrere Bedeutungen haben, nur eben nicht die gleichen. Das Zeltlager ist dann „camp“, das Warenlager z.B. „warehouse“, das Lager, in dem eine Welle läuft „bearing“ usw. Erst der Kontext – der Text, in den der Begriff eingebettet ist – macht verständlich, was gemeint ist. Das können bereits Wortverbindungen sein – wo „Lager“ noch mehrdeutig ist, ist „Zeltlager“ bereits eindeutig. Oft aber reicht auch das nicht, und selbst ganze Sätze können noch mehrdeutig sein: „Ich habe den Schlüssel im Schloss gelassen“ – entweder haben Sie ihn im Schloss (in der Tür) stecken lassen oder Sie haben ihn im Schloss (in dem Sie als Gast des Schloss-Hotels ein Zimmer haben) liegen lassen. Im Englischen wären das völlig verschiedene Formulierungen.

Die Ursache für das Dilemma ist so trivial wie sie komplex ist – übersetzt in eine andere Sprache werden keine Wörter sondern Bedeutungsinhalte. Das Wort – oder die Sprache überhaupt, wenn man so will – ist das Vehikel, das eine Bedeutung transportiert. Was ausgedrückt werden soll, wird in Worte gekleidet, dann übermittelt und – nachdem es beim Empfänger angekommen ist – von diesem „entschlüsselt“, um die Bedeutung zu erfassen. Das klappt immer dann ganz gut, wenn beide – der „Sendende“ und der „Empfangende“ – Worten und Begriffen die selbe oder zumindest eine sehr ähnlich Bedeutung zuweisen, andernfalls sind Irrtümer vorprogrammiert. Wir kennen das alle aus eigener Erfahrung – wer als Mitteldeutscher in anderen Regionen Deutschlands im Laden nach einer Mettwurst fragt, bekommt eine Knackwurst. Wenn er tatsächlich eine Knackwurst will, muss er Schlackwurst verlangen, hat aber dabei – je nach Herkunft der Verkäuferin – eine mögliche Bandbreite von Polnische bis Zervelatwurst. Für das, was er unter „Mettwurst“ versteht, hätte er nach Teewurst fragen müssen. Schlimmer noch – auf die Bitte nach „Mettwurst“ hätte er in Österreich eher eine „Brühwurst“ oder „Jagdwurst“ bekommen, und in den USA ist die deutsche „Mettwurst“ so etwas wie eine „Leberwurst“ …
So relativiert sich auch die bisweilen überstrapazierte Forderung nach einer „wörtlichen“ Übersetzung. Einem Engländer zu sagen, er habe „die Katze im Sack gekauft“, bringt Ihnen bestenfalls ein irritiertes Lächeln ein, genauso wie sie möglicherweise nicht wirklich verstehen, wieso Ihr (englischer) Gesprächspartner so scharf auf „blaue“ Filme ist. Und wieso rätseln Harry Potter, Hermione und Ron im letzten Teil der Potter-Saga wochenlang über die paar „simplen“ Wörter „I open at the close„, die Professor Dumbledore ihnen als Hinweis hinterlassen hat und die doch nun wirklich keine Schwierigkeit darstellen sollten?

Was hat das alles nun mit der Arbeit des Übersetzers zu tun?

Als Mittler zwischen „Sendendem“ und „Empfangendem“ muss er verstehen, was der „Sendende“ ausdrücken will, und Formulierungen finden, mit denen sichergestellt ist, dass genau das beim „Empfangenden“ ankommt. Einfacher gesagt als getan! Lässt man das riesige Feld der regionalen, politischen oder kulturellen Spracheinfärbungen einmal unbeachtet, bleibt immer noch das Problem, dass der „Sendende“ (der ja in seiner egozentrischen Ich-Bezogenheit genau weiß, was er meint) zu Verkürzungen neigt, die Undeutlichkeiten produzieren. Warum soll er statt einfach nur „Lager“ unbedingt „Zeltlager“ sagen, wenn er doch weiß, dass es kein „Kugellager“ ist, er sieht es ja vor seinem inneren Auge sogar vor sich und kann sich kaum vorstellen, dass seinem Gesprächspartner das nicht ebenfalls einleuchtet!!

Der professionelle Übersetzer kennt das typische Verhalten seiner Klientel und wird Fragen stellen oder sogar Hinweise geben. Der Kunde, der oft mit Übersetzern arbeitet, ist sich des Problems ebenfalls bewusst und wird bereits im Vorfeld gewissenhafter formulieren und versuchen, sich in die Situation des Übersetzers (der ja in der Übermittlungskette ihm gegenüber erst einmal der „Empfangenden“ ist) hineinzuversetzen.

Was bleibt als Fazit?

Sprache ist komplex, und nicht von ungefähr besiegen Computer heute bereits die weltbesten Spieler am Schachbrett, versagen aber kläglich, wenn sie einen Liebesbrief übersetzen sollen, zumindest dann, wenn das Dahinschmelzen der Angebeteten beim Lesen des Briefes als Erfolgsmerkmal der Übersetzung gilt.
Gewähren Sie dem Übersetzer so viel Einblick wie er verlangt. Je mehr er von Ihrem Umfeld, Ihren Absichten und auch von Ihren Sprachgewohnheiten versteht, desto treffender werden seine Formulierungen sein. Wortlisten, aus dem Zusammenhang gerissene Dokumente oder ähnliches sind ‑ auf­grund ihrer Verkürzung – nicht etwa eine leichte Arbeit, sondern erfordern im Gegenteil von einem gewissenhaften Übersetzer einen oft viel größeren Aufwand als vermutet.
Streben Sie eine langfristige Zusammenarbeit mit dem Übersetzer an, in der Sie sich immer besser gegenseitig verstehen lernen, und wechseln nicht ständig zu anderen, die Sie nicht kennen, nur deshalb, weil diese im konkreten Einzelfall vermeintlich billiger sind.

Man kann es auch kürzer formulieren: arbeiten Sie mit Ihrem Übersetzer als Partner bei der Umsetzung Ihrer Ziele auf Augenhöhe – der Erfolg ist Ihnen garantiert.

Kosko Sprachenservice
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