„Bei Dornstedt liegt der Hund begraben!“ Der Haidhofhügel – Ein prähistorischer Siedlungs- und Bestattungsplatz

Die Ortschaft Dornstedt bildet den westlichsten Teil der Einheitsgemeinde Teutschenthal (Saalekreis, Sachsen-Anhalt). Von ihren insgesamt 637 Einwohnern leben 271 im zugehörigen Ortsteil Asendorf (Stand: 31. Dezember 2016). Seit dem 1. Januar 2010 ist der bis dahin selbstständige Ort an die Verwaltungsgemeinschaft angegliedert.

Der Titel dieses Beitrags soll natürlich nicht auf eine vermeintliche Verschlafenheit der Ortschaft anspielen. Ganz im Gegenteil! Gerade zu Pfingsten ist in den Zwillingsdörfern allerhand los. Im Rahmen eines überregional bekannten Heimatfestes, findet dort seit 2004 ein spektakuläres Rasentraktor-Rennen statt, welches jedes Jahr zahlreiche Besucher aus nah und fern anzieht.

Eine erste urkundliche Erwähnung als „Dornstat“ erfolgte im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts im Hersfelder Zehntverzeichnis. Auch Asendorf erscheint in dieser Besitzauflistung als „Asendorpf“. Eine frühere Besiedlung der beiden Ortslagen ist bislang nicht belegt. Dennoch war die Gemarkung bereits in der Jungsteinzeit bewohnt, wie ein Fund am sogenannten „Haidhofhügel“, ca. 1,5 Kilometer südwestlich von Dornstedt, beweist. Bereits der Flurname suggeriert hier eine vorgeschichtliche Begräbnisstätte. Beim Setzen eines Grenzsteins stieß ein einheimischer Bauer Namens Einführ am 13. Dezember 1834 auf eine Steinkammer. Unter zwei steinernen Deckplatten kamen drei zerbrochene Keramikgefäße, eine Facettenaxt, sowie ein inzwischen verschollener kupferner Armring und ein ebenso verschwundenes Steinbeil zum Vorschein. Im östlichen Bereich des Grabes fand sich ein weiteres großes zerscherbtes Gefäß (ebenfalls inzwischen verschollen) in dem sich eine ca. 16 Zentimeter lange Flintklinge verborgen war. Die Funde eines menschlichen Schädels und weiterer Knochen ließen die Bestattung eines Individuums erkennen. Anhand des Grabinventars war eine Datierung in die endneolithische Phase der Schnurkeramik (ca. 2800-2050 v. Chr.) möglich. Im Grab sollen sich zudem zwei unregelmäßig gesetzte Steine befunden haben zwischen denen ein Hundeschädel lag. Die Aufzeichnungen im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle und die Beschreibungen des Heimatforschers Erich Neuß widersprechen sich in diesem Punkt allerdings, so dass eine Zusammengehörigkeit der Funde nicht sicher ist. Somit kann auch nicht entschieden werden, ob es sich bei dem Vierbeiner um eine Nachbestattung oder eine rituelle Opferhandlung gehandelt hat.

Abb.1: Die Pferdeschädeldeponierung vom „Haidhofhügel“ bei Dornstedt. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle
Abb.1: Die Pferdeschädeldeponierung vom „Haidhofhügel“ bei Dornstedt. Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv

 

Eine weitere Tierbestattung mit zweifellos kultischen Hintergrund konnte auf dieser Flur im Zuge von bauvorbereitenden archäologischen Ausgrabungen durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, im Vorfeld der Errichtung der Autobahntrasse A38, dokumentiert werden. Zwischen Oktober 2004 und August 2005 – unterbrochen durch eine dreimonatige Winterpause – traten hier auf einer Fläche von 56.000 Quadratmetern insgesamt 165 Befunde zu Tage. Die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Areals hatte den Befunden bereits in der Vergangenheit teilweise stark zugesetzt. Am westlichen Rand des untersuchten Grabungsfeldes wurden Skelettreste von drei Pferden aufgedeckt. Ungewöhnlich war die Art deren Niederlegung. Die Reste der Langknochen bildeten einen fast rechteckigen Rahmen, in dem die Pferdeschädel deponiert waren (Abb. 1). Die Erprobung der Knochen mittels der Radiokarbonanalyse (C14-Methode) ergab eine zeitliche Einordnung in das letzte Drittel des 2. Jahrtausends v. Chr. Sowohl die Lage der einzelnen Skeletteile, als auch die ausgewählten Körperteile zeigen, dass es sich um das Zeugnis eines außergewöhnlichen Opferrituals handelt. Der Ausgräber Hans-Ulrich Glaser sieht in diesem Befund Parallelen zu einer Tierbestattung, die auf dem nur wenige Kilometer entfernt liegenden, spätbronzezeitlichen Friedhof von Esperstedt (Gemeinde Obhausen) dokumentiert wurde. In einer mit fünf Steinen abgedeckten Grube fand sich dort ein Pferdeschädel, der ebenfalls von aufliegenden rechtwinklig angeordneten Langknochen gleichsam eingerahmt war. Diese Niederlegung steht offenbar in einem direkten Bezug zu einem Kreisgraben mit einer zentralen Steinkiste. Der Pferdeschädel lag auf einer Achse, die vom Mittelpunkt des Kreisgrabens über den geosteten Eingang verlief, in etwa 7 Meter Entfernung. In Dornstedt war ein solcher Bezug zwar nicht feststellbar, möglicherweise ist dies aber auf die schlechten Erhaltungsbedingungen durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung der Feldflur zurückzuführen. Die Bestattung von Pferden ist eine für prähistorische Epochen häufig belegte Sitte. Besonders im Zusammenhang mit spätbronzezeitlichen Siedlungen werden solche Begräbnisse zumeist in aufgelassenen Siedlungsgruben angetroffen.

Während der Grabungen bei Dornstedt konnte auch die spätbronzezeitliche Bestattung eines menschlichen Individuums in Form eines Steinpackungsgrabes festgestellt werden. Hier waren allerdings nur noch die Bodenplatte sowie vereinzelte senkrecht stehende Steine aus dem Randbereich der Grabgrube vorhanden. Zudem fand sich dort stark zerscherbte Keramik und Leichenbrand, welcher wiederum die gängige Bestattungsform dieser letzten Phase der Bronzezeit widerspiegelt.

Abb.2: Der Grundriss des einschiffigen Pfostenbaus vom „Haidhofhügel“ bei Dornstedt. Abbildung: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle
Abb.2: Der Grundriss des einschiffigen Pfostenbaus vom „Haidhofhügel“ bei Dornstedt. Abbildung: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv

 

Neben Bestattungsfunden erbrachten die Ausgrabungen auch Nachweise von Siedlungsaktivitäten, zumeist in Form einfacher muldenförmiger Siedlungsgruben. Einige Gruben scheinen auf Pfostenstelllungen hinzudeuten, aus welchen sich zumindest der Grundriss eines einschiffigen, Ost-West orientierten Pfostenbaus mit einer Fläche von 5 x 2,4 Metern interpretieren lässt (Abb. 2). Hinter einer nordwest-südost verlaufenden Anordnung von 20 rundlichen Gruben vermutet der Ausgräber die tragende Firstpfostenreihe eines zweischiffigen Hauses (Abb. 3). Allerdings stehen diese Pfosten so dicht beieinander, dass eine Deutung als mittlere Stützenreihe fraglich ist (Abb. 4). Viel wahrscheinlicher scheint dagegen die Auslegung des Befunds als sogenanntes pit alignment. Solche Grubenstrecken umgrenzten Weidegründe, Felder und Siedlungsterritorien und können mehrere Kilometer die Landschaft durchziehen. Auffällig ist dabei, dass sie immer in dicht besiedelten, fruchtbaren und intensiv agrarisch genutzten Gebiete angetroffen werden. Eventuell wurden in diesen Gruben Hecken oder Sträucher für eine schnellwachsende, sichtbare Parzellierung angepflanzt, die zudem die nützliche Funktion eines Erosions- und Deflationsschutzes übernommen hätte. Die Forschung datiert die Pit aligments in die jüngere Bronzezeit bzw. die frühe Eisenzeit. Da aus keiner der Gruben, Pfostenlöchern oder anderen Siedlungsmulden datierbares Fundmaterial entnommen werden konnte, war eine eindeutige zeitliche Einordnung nicht möglich. Die unmittelbare räumliche Nähe der Gruben zu den beiden bereits genannten spätbronzezeitlichen Befunden lassen aber auch hier einen Zeitraum zwischen 1350/1300 und 800 v. Chr. für denkbar erscheinen.

Abb. 3: Blick über die Grabungsfläche mit der nordwest-südost verlaufenden Grubenreihe. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle
Abb. 3: Blick über die Grabungsfläche mit der nordwest-südost verlaufenden Grubenreihe. Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv

 

Abb. 4: Die schematische Darstellung der nordwest-südost verlaufenden Grubenreihe zeigt, dass die Gruben für eine Firstpostenkonstruktion zu eng beieinanderliegen. Abbildung: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle
Abb. 4: Die schematische Darstellung der nordwest-südost verlaufenden Grubenreihe zeigt, dass die Gruben für eine Firstpostenkonstruktion zu eng beieinanderliegen. Abbildung: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv

Die Untersuchungen am „Haidhofhügel“ förderten auch neuzeitliche Hinterlassenschaften zu Tage. Auf freiem Feld, im westlichen Teil der Untersuchungsfläche kamen vier Gefäße des 18./19. Jahrhunderts zum Vorschein (Abb. 5). Die Töpfe waren ca. 30 Zentimeter in die Humusschicht eingegraben und standen dabei senkrecht im Boden. Zum Teil waren sie bereits durch den Bagger beschädigt. Da in der näheren Umgebung keinerlei Hinweise auf zeitgleiche Siedlungsaktivitäten hindeuteten, ist nach Meinung von Hans-Ulrich Glaser eine Interpretation als „Nachgeburtstöpfe“ naheliegend. Der volkskundlichen Überlieferung zufolge, wurde das Vergraben der Nachgeburt, auch Mutterkuchen genannt, in vielen Regionen Deutschlands über Jahrhunderte praktiziert. Vor allem aus Süddeutschland sind derartige Sitten bekannt. Schriftlich belegt ist das Phänomen seit 1517. Der Ursprung ist wohl im altgermanischen Brauchtum zu suchen. Der Vorgang soll mit Sorgfalt und nach Sonnenuntergang „an einem Ort, wo weder Sonne noch Mond hin scheint“ geschehen. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erwähnt das Eingraben der Nabelschnur und der „placenta maternalis“ an der Wurzel eines Baumes (in manchen Regionen auch im Keller). Manchmal heimlich und mit Sprüchen begleitet begräbt man die Nachgeburt in einem Topf, den man mit einem Deckel zudeckt, mit einem Stein beschwert oder mit der Öffnung nach unten in den Boden stellt. Neben dem Vergraben oder Aufhängen im Geäst eines Baumes kommen auch das Verbrennen oder Versenken in Gewässern im Umgang mit der Nachgeburt vor. Die unterschiedlichen Ausprägungen des Phänomens dürften im Laufe der Zeiten und in verschiedenen Regionen unabhängig voneinander entstanden sein. Sie sind daher nicht als allgemein gültige, strenge Regeln zu verstehen. Durch die Zunahme der Geburten in Krankenhäusern sowie die Nutzung des Mutterkuchens zur Gewinnung von Hormonen ist der Brauch der Plazenta-Bestattung weitgehend zurückgetreten, ohne jedoch dabei völlig in Vergessenheit zu geraten. Heute wird die Nachgeburt von einigen im Garten vergraben um darauf einen Baum zu pflanzen. Der ursprünglich heidnische Brauch symbolisiert auch in unserer Gegenwart eine enge Beziehung zwischen Kind und Baum.

Abb. 5: Einer der vier als „Nachgeburtstöpfe“ interpretierten neuzeitlichen Gefäße. Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Halle
Abb. 5: Einer der vier als „Nachgeburtstöpfe“ interpretierten neuzeitlichen Gefäße. Foto: LDA Sachsen-Anhalt, Archiv

 

Mike Leske

(Stand: 23. August 2017)

 

Literatur/Quellen:

  • Hans-Ulrich Glaser, Ein Siedelplatz bei Dornstedt, Ldkr. Saalkreis. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 5, Archäologie auf der Überholspur – Ausgrabungen an der A38, Seite 18-19, Halle 2006.
  • Hans-Ulrich Glaser, Pit alignments – Rätselhafte Grubenreihen? In: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 5, Archäologie auf der Überholspur – Ausgrabungen an der A38, Seite 195-198, Halle 2006.
  • Hans-Ulrich Glasner, Hans-Jürgen Döhle, Eine ungewöhnliche Pferdeschädeldeponierung bei Dornstedt. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 5, Archäologie auf der Überholspur – Ausgrabungen an der A38, Seite 199-201, Halle 2006.
  • Erich Neuß: Wanderungen durch die Grafschaft Mansfeld. Im Seegau, ND Halle 1999.
  • Hans J. Szédelin, Nachgeburtstöpfe oder Tierfallen? In: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 5, Archäologie auf der Überholspur – Ausgrabungen an der A38, Seite 255-259, Halle 2006.
  • Ortsakte Dornstedt (OA-ID 2097), Bl. 2-9 im Fundstellenarchiv des LDA Halle, insbesondere die Dokumentation der planmäßigen Ausgrabungen am „Haidhofhügel“ (Dok.-Nr. G2008/30/1).

 

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